Wie das alte Lehrerwohnhaus in Minheim zum Modellprojekt für gemeinschaftliches Arbeiten wird

 

Oft sind es die kleinen Dinge, die einem die Arbeit verleiden. Das beginnt schon mit der leidigen Pendelei, die nicht nur teuren Sprit, sondern auch Zeit und Nerven kosten. Vor allem, wenn man kurz vorm Ziel im Berufsverkehr feststeckt.

Auch der Arbeitsplatz selbst kann ein Stressfaktor sein. Sei es, weil man das Großraumbüro satthat oder weil die gern beschworene „Work-Life-Balance“ im Homeoffice dann doch nicht funktioniert. Auch das hat die Pandemie gezeigt: Ständig zuhause zu arbeiten, kann zur mentalen Belastung werden. Da wünscht man sich, Privatleben und Berufsleben wären wieder sauber getrennt.

Vor diesem Hintergrund ist die Arbeitsform Coworking stärker ins Bewusstsein gerückt. Neben Privatanbietern stellen zunehmend auch Gemeinden die Räumlichkeiten und die technische Infrastruktur zur Verfügung, die Menschen benötigen, um jenseits von Firmen- oder Heimbüro effektiv zu arbeiten oder zu tagen.

Auch an der Mosel hat man in den letzten Jahren damit begonnen, solche gemeinschaftlich genutzten Dorfbüros einzurichten, z.B. in Gemeindehäusern oder ehemaligen Gasthäusern und Sparkassen. So gibt es mittlerweile den „Raumgewinn“ in Trittenheim (Trier-Saarburg). Und mit der Eröffnung des „MoselWerk“ in Ediger-Eller (Cochem-Zell) nimmt das Projekt „Dorf-Büro“ der Entwicklungsagentur RLP konkrete Formen an. In Müden (Cochem-Zell) wird ebenfalls bald ein „Dorf-Büro“ eröffnen.

Die Gemeinde Minheim (Bernkastel-Wittlich) geht mit ihrem Coworking-Konzept sogar noch einen Schritt weiter. Als touristisch geprägter Weinort bietet man per se ein Umfeld, das auch nach Feierabend einiges zu bieten hat. Der klassische Spruch „leben, wo andere Urlaub machen“ trifft auf Minheim garantiert zu.

Aus diesem Bewusstsein heraus entstand die Überlegung Arbeit und Erholung miteinander zu verbinden: Unternehmen ermöglichen verdienten Mitarbeitern einen Tapetenwechsel – und schenken Ihnen ein Ticket an die Mosel. Statt im Büro am Firmensitz arbeiten Angestellte einige Wochen auf der Sonneninsel Minheim. Auch Freiberufler und Selbständige, die die eigenen vier Wände leid sind, können auf diese Weise produktiv arbeiten und zugleich seelisch auftanken. Denn nach einigen Stunden im Coworking-Büro erwartet einen der Ferienort Minheim – und damit tolle Radtouren an der Moselschleife, Wanderungen durch die angrenzende Mittelgebirgslandschaft und natürlich köstliche Rieslinge und gesellige Weinproben. In der Fachsprache nennt man diese attraktive Kombi „Coworkation“ (eine Zusammensetzung aus „Coworking“ und „Vacation“). So wird der Feierabend zum Feier-Abend.

Soweit die Theorie. Doch wie sieht die Praxis aus? Das wollte die Gemeinde Minheim in einem Feldversuch herausfinden. Zwei Monate lang, von Anfang August bis Ende September, dienten zwei Container als Coworking-Space. Betreut wurde diese Testphase von der CoWorkLand eG. Das Minheim-Projekt ist Teil das Modellvorhabens „Smarte.Land.Regionen“ und wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) im Rahmen des Bundesprogramms Ländliche Entwicklung (BULE) gefördert. Projektpartner des Vorhabens ist das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE). Das Ergebnis des Projekts in Minheim übertraf alle Erwartungen.

Da gab es jene Arbeitnehmer, die bisher mit dem Auto nach Wittlich oder Trier pendeln mussten und die nun zu Fuß zum Arbeitsplatz gehen konnten. Da waren jene, die die improvisierten Verhältnisse im Heimbüro gegen die professionelle Infrastruktur des Coworking-Büros eintauschten. Und dann gab es Menschen von weit her, zum Beispiel aus Berlin, die Ferien im Alltag machten – die jeden Tag ein paar Stunden arbeiteten und dann zu Urlaubern wurden.

Last but not least wurde der Coworking-Space auch als Treffpunkt für Gesprächstermine genutzt. Im Sinne von mehr Bürgernähe trafen Verwaltungsmitarbeiter sich mit Klienten vor Ort in Minheim. Aber auch Institutionen verließen ihre entfernten Stammsitze und kamen hier für Termine und Tagungen zusammen. So wurde der Coworking-Space zum Bürgerhaus.

Ortsbürgermeisterin Sonja Scholtes zieht daher ein begeistertes Resümee: „Die Testphase hätte nicht besser laufen können. Unser Angebot wurde von unterschiedlichsten Menschen, Unternehmen und Einrichtungen angenommen.“ Die weitere Marschroute steht bereits fest: „Wir wollen in Minheim dauerhaft Arbeiten, Tagen und Ferien miteinander verbinden. Und der Sitz des alten Lehrerwohnhauses ist dafür der perfekte Ort.“